Hallo Leute ich war am Samstag bei Gotthard. Die Älteren von Euch werden sie kennen und die Jüngeren sollten sich mal ne CD anhören. Hier der Konzertbericht:
HOF – Mit einer heißen Rock-Show erster Güte hat die Schweizer Hardrock-Formation „Gotthard“ am Samstag ein Drittel der Hofer Freiheitshalle zum Kochen gebracht. Ein grauer Vorhang trennte den Rest der Halle ab, denn die weltweit erfolgverwöhnten Eidgenossen mussten in Hof vor nur rund 650 Zuhörern auftreten. Schade, denn die Schweizer hätten locker auch die Power für die fünffache Kulisse gehabt. Wer nicht da war, verpasste eines der besten Rock-Konzerte, das die Freiheitshalle seit Jahren erlebt hat.
Vom ersten Ton an macht die Truppe um den stimmgewaltigen Sänger Steve Lee mächtig Druck. Mit „All we are“ stürmt „Gotthard“ auf die Bühne – und tatsächlich: Die sechsköpfige Formation gibt alles. Voller Power dröhnt „Hush“ durch die Boxen, ein Song, den die Hardrock-Legende „Deep Purple“ schon vor über 25 Jahren zum Klassiker gemacht hat. Doch „Gotthard“ schafft es, das Altmetall aufzupolieren und ihm neuen Glanz zu verleihen. An „Deep Purple“ wird man an diesem Abend noch öfters erinnert, mehr noch aber an die aus den zahlreichen Absplitterungen und Auflösungen entstandenen Gruppierungen im Umfeld der Mutter aller Heavy-Metal-Bands. „Mountain Mama“, zum Beispiel, könnte problemlos auf das geniale „Rainbow“-Live-Album „On Stage“ gepresst werden. Und „Sister Moon“ wäre auf einer guten „Whitesnake“-CD bestimmt kein Fremdkörper.
Doch die Schweizer kopieren nicht. Sie haben nur gut zugehört bei Ritchie Blackmore, Ian Gillan und David Coverdale. Ihre Zitate aus der guten alten Zeit des harten Rock kommen nie altbacken daher, sondern haben immer einen modernen, jungen Anstrich. Denn da vorne steht eben nicht eine Altmänner-Truppe mit der fünften Abschiedstournee zum 35. Bühnenjubiläum. Da vorne stehen Rockmusiker voller Saft und Kraft, die während der mehr als zweistündigen Show keine Sekunde Leerlauf zulassen.
Vor allem der charismatische Sänger Steve Lee, der – reich an großen Gesten und kleinem Augengezwinker – durchs Programm führt, treibt Band und Publikum immer wieder vorwärts. Der 42-jährige aus Zürich, ein wahrer Hexenmeister der brodelnden Rock-Küche, kann es am Mikrophon mit der Weltspitze seines Genres aufnehmen. Facettenreich spannt der Frontmann den Bogen vom Metal-Shouter zum herzerwärmenden Balladen-Schmelzer. Bei den langsameren Titeln stellen die Schweizer ihre kompositorische Klasse besonders unter Beweis. Auch wer „Gotthard“ nie zuvor gehört hat, wird einige Songs dieses Abends nie wieder aus dem Ohr bringen.
Mit rockmusikalisch standesgemäßer Langhaar-Mähne wirbelt der kleine Leo Leoni über die Bühne, mit flinken Soli und wuchtigen Riffs ein Gitarrero allererster Sahne. Kürzer an Haarpracht, aber ebenso stark in der Produktion rockmusikalischer Qualitätsware sind die anderen vier im Team: Freddy Scherer an der zweiten Gitarre, Mark Lynn am Bass, Hena Habegger am Schlagzeug und Nicolo Fragile an den Tasteninstrumenten. Fragile ist übrigens der einzige Ausländer in der Schweizer Band: Der frühere Keyboarder von Eros Ramazotti gilt in Italien vor allem an den Mischpulten der Produktionsstudios als Star.
Die neue Keyboard-Präsenz hat die Musik von „Gotthard“ ein wenig geschliffener und eingängiger gemacht, ohne ihr den Drive zu nehmen. Es wird gerockt, als gäbe es kein Morgen und nicht aufgehört, bis wirklich – nach mehreren lautstark geforderten Zugaben – alles gesagt und getan ist. „Said and done“ ist einer der Hits der Mannen aus dem Land der Alphorn-Bläser, die alle Klischees über unsere südlichen Nachbarn Lügen strafen. Keine Spur von der angeblichen Betulichkeit der alpinen Bergbevölkerung, nur Vollgas bis die Boxen glühen. Kein matschiges Gewummere beleidigt dabei die Ohren: Qualität ist bei „Gotthard“ oberstes Gebot, das gilt auch für den Mann am Mischpult. Auch Rockmusik der härteren Gangart kann klar rüberkommen, zumal in einer Halle, die einst bundesweit für ihre Rock-Akustik berühmt war.
Berühmt war die Freiheitshalle einst auch für ihr treues Publikum bei ausverkauften Auftritten so mancher Weltstars. Ein Image, das unter der spärlichen Kulisse am Samstag erneut gelitten hat. Hochachtung deshalb vor den Veranstaltern, die dennoch gelegentlich versuchen, in Hof harten Rock zu präsentieren. Wer „Gotthard“ gesehen hat, wird sich wünschen, dass es die Tour-Manager nicht aufgeben, auch Bayerns Nordost-Ecke in ihren Spielplan aufzunehmen. Eine Ecke, in der ja angeblich nie was Tolles geboten wird. Das jedenfalls sagen die, die nicht hingehen.